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Iran ist das gastfreundlichste Land, das ich kenne

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Als Frau allein unterwegs
"Iran ist das gastfreundlichste Land, das ich kenne"
Zwei Monate lang reiste Helena Henneken allein durch Iran. 80 Einladungen, 390 Gläser Tee und 28 Gastgeschenke später ist sie fasziniert von dem Land. Im Interview erzählt sie von strikten Regeln und Nächten im Frauenmatratzenlager.

Henneken: Einige sagten: "Iran? Wie spannend!" Aber diese Stimmen waren eindeutig in der Unterzahl. Viele Freunde oder Bekannte fragten verständnislos: "Ausgerechnet Iran?" Die meisten verbinden mit dem Land eher Düsteres, die politischen Schlagzeilen. So ging es mir auch. Ich wollte aber gerne mehr über die Menschen dort erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind allein gereist. Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen?

Henneken: Das Allein-Unterwegssein hatte ich auf einer Weltreise vor ein paar Jahren schon geprobt und wusste: Das kann ich gut. Und in den meisten Ländern gibt es ja eine ausgezeichnete Backpacker-Infrastruktur. In Iran nicht, daher waren meine Reisevorbereitungen gründlich. Ich habe Sachbücher und Reiseführer gelesen, sechs Wochen lang Farsi-Sprachunterricht genommen, iranische Filme geguckt. Und ich habe mit mir selbst eine Abmachung getroffen: Sollte ich merken, dass die Reise blauäugiger Quatsch ist, kehre ich um und fahre in die Türkei.

 

SPIEGEL ONLINE: Frühzeitig abgereist sind Sie nicht. Im Gegenteil, Sie haben Ihr Touristenvisum sogar verlängert und waren zwei Monate allein auf Achse. Immer mit einem guten Gefühl?

Henneken: Immer. Klar, man sollte seinen gesunden Menschenverstand nicht ausschalten und ein Gespür dafür haben, wann Grenzen überschritten sind. Aber ich habe mich nie unwohl gefühlt. Der große Vorteil am Alleinreisen ist: Man ist viel offener, wird öfter angesprochen und eingeladen. Und genau das liebe ich am Reisen: die unerwarteten Begegnungen und Gespräche mit Fremden.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen in Ihrem Buch von Begegnungen mit Hauptstädtern in Teheran, kurdischen Dorfbewohner, Mullahs, anarchistischen Studenten, Künstlern oder Hausfrauen. Während 59 Reisetagen kamen Sie auf über 80 Einladungen - war so viel Gastfreundschaft und Interesse nicht auch anstrengend?

Henneken: Einsam habe ich mich jedenfalls fast nie gefühlt. Iran ist das gastfreundlichste Land, das ich je kennengelernt habe. Ständig haben mich Wildfremde auf der Straße, im Supermarkt oder im Park angesprochen. Mindestens mit einem überschwänglichen "Welcome to Iran". Oft folgte eine Einladung. In einem Dorf wurde ich fünf Tage lang herumgereicht. Nie durfte ich mithelfen, und Gastgeschenke funktionieren in Iran umgekehrt: Der Gastgeber nimmt nichts an, dafür wird der Gast beschenkt. Ich habe Armbänder, CDs, Bildbände, ein pinkfarbenes T-Shirt mit Glitzersteinen und Handyanhänger bekommen, die mich immer noch oft an die Menschen und eine fantastische Reise zurückdenken lassen.

SPIEGEL ONLINE: Als westlicher Besucher fällt man in Iran auf - nicht nur freundlichen Gastgebern. Das Land ist ein Überwachungsstaat. Hatten Sie je das Gefühl, beobachtet zu werden?

Henneken: Nein. Natürlich habe ich viele Geschichten gehört und mich immer wieder gefragt, ob ich einfach zu naiv bin und bloß nicht merke, dass ich beobachtet werde. Auch war ich sehr erstaunt, wie offen die Iraner nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auch in aller Öffentlichkeit, zum Beispiel im Sammeltaxi, über Politik sprechen. Das hatte ich nicht erwartet. Mein Eindruck ist: Trotz strikter Regeln nehmen sich viele ihre Freiheiten, und einiges wird toleriert.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Henneken: Satellitenschüsseln sind zwar offiziell verboten, aber trotzdem weitverbreitet und gut sichtbar an vielen Häusern angebracht. Facebook oder Twitter sind offiziell gesperrt - aber wenn ich die Liste meiner Facebook-Freunde durchgehe, habe ich mehr iranische als deutsche Kontakte. Auch die Kleiderordnung der Frauen hat mich überrascht. Gläubige tragen weite Mäntel und achten darauf, dass keine Haarsträhne unter dem Kopftuch zu sehen ist. Andere bedecken ihr Haar nur, weil es das Gesetz verlangt. Sie legen sich ihr Kopftuch als modisches Accessoire auf den Hinterkopf und ziehen, sobald sie das Haus verlassen, ziemlich eng anliegende Mäntel über ihre westliche Kleidung.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Ärger mit der Sittenpolizei zu bekommen?

Henneken: Lockere Outfits schienen zur Zeit meiner Reise im Frühjahr 2013 okay zu sein. Iranische Bekannte in Deutschland haben mir erklärt, dass es immer auf die politische Stimmung ankommt: Mal hält das Regime die Zügel lockerer, dann wieder straffer.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind kreuz und quer durch das Land gereist. Wie haben Sie sich fortbewegt, wo haben Sie übernachtet?

Henneken: Ich bin vor allem mit öffentlichen Verkehrsmitteln gereist. In Überlandbussen, Zügen oder Sammeltaxis. Das ging problemlos. Manchmal habe ich in Hotels übernachtet, häufiger aber bei Iranern zu Hause. Sie räumten für mich das beste Zimmer des Hauses, oder ich bekam einen Platz zwischen Omas und Enkelinnen im Frauen-Matratzenlager im Wohnzimmer. Das war toll und gar nicht seltsam. Oft war übrigens auch die Verständigung auf Englisch kein Problem.

 SPIEGEL ONLINE: Ihren von vielen Fotos flankierten Reisebericht liest man in persischer Leserichtung, man blättert von links nach rechts. Gewidmet ist das Buch all den Iranern, die Sie in ihr Leben eingeladen haben, die ihre Geschichten und Gedanken mit Ihnen, der fremden Deutschen, geteilt haben. "They would rock" haben Sie das Buch genannt...

Henneken: Angelehnt an das, was eine 16-Jährige zu mir sagte: "If my people lived in another country, they would rock!" - "Wenn Iraner in einem anderen Land lebten, sie würden rocken." Für mich rocken sie allerdings schon heute!

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